Homeschooling – ein Tagebuch – Tag 12

Eine Familie bestehend aus Vater, Mutter und 3 Kindern wird durch die Schulschliessung, eine Massnahme der Schweizer Regierung aufgrund der Corona Pandemie, mit Homeschooling konfrontiert.

Dienstag, 24. März 2020

Es ist ein guter Zeitpunkt, um über Stress nachzudenken. Wenn mich jeweils jemand fragt, was man mit der Evolutionspädagogik in einer Lernberatung so macht, dann lautet die erste (verkürzte) Antwort jeweils: “Stressoren auflösen” oder “Stressthemen bearbeiten”.

Am häufigsten arbeite ich deshalb auch mit Kindern und Jugendlichen. Ihr Gehirn befindet sich noch in der Entwicklung und ihr Erfahrungsschatz ist noch nicht so gross wie bei uns Erwachsenen. Sie lernen dafür viel schneller und fehlende Denkabläufe werden viel schneller gefestigt.

Jeder Mensch, ob gross oder klein, kommt in seinem Leben immer wieder an einen Punkt, an dem er bemerkt, dass sich seine angeeigneten Strategien/Denkweisen nicht oder nur ungenügend funktionieren.

In der momentanen Corona-Situation sind wir alle auf einen Schlag damit konfrontiert. Der Stress überrollt uns, sämtliche Alltagsabläufe und Routinesituationen, sei es bei der Arbeit oder Daheim, sind verändert oder hinfällig. Um diese (auch noch grad viele und verschiedenen) Situationen zu meistern, greifen wir auf bewährte Denkmuster zurück. Je nach dem welche das sind, sind sie für die Situation in der wir uns befinden, geeignet und angemessen. Wer z.B. sonst schon nur einmal wöchentlich einkaufen geht, hat weniger Probleme sich darauf einzustellen wenig einzukaufen, als jemand der das sonst täglich tut. Dies ist nur ein praktisches Beispiel. Es gibt unzählig andere. Was tut ein Mensch, der sonst schon vermeidet alleine Daheim zu sein und nun muss er das auf unabsehbare Zeit tun? Was passiert mit dem Schüler, der die Schulstruktur sehr braucht und sich nun Daheim, neben den selbst geforderten Eltern, allein organisieren muss?

Ja, was passiert nun? Im Idealfall setzt ein Lernprozess ein. Unser Gehirn ist bis ins hohe Alter lernfähig. Wir können adaptieren und umdenken, Lösungen finden. Mit unserem “Vernunfthirn”, dem präfrontalen Cortex, können wir durch logisches Denken Probleme lösen.

Wenn der Stress aber plötzlich, in extremer Form oder auch sehr bedrohend auf uns einwirkt, geraten wir in eine Sackgasse. Unser unterbewusstes Denken, im Stammhirn, wird uns zum Verhängnis. Es ist dafür da, um im absoluten Notfall unser Überleben zu sichern. Es reagiert deshalb reflexartig und unbewusst. Häufig ist “das Kind bereits in den Brunnen gefallen”, bevor wir wieder bewusst denken können. All die die ihre Kinder daheim unterrichten, erleben dies derzeit bestimmt täglich. Nicht nur bei den Kindern, sondern auch bei sich selber. Wutausbrüche, nicht ansprechbar sein, sich verweigern, nicht zuhören, Gefühlsausbrüche, Ohnmachtsgefühl, Fluchtgedanken, Kontrollzwang, Aggressivität…. all dies ist dem unbewussten Denken zuzuordnen und das Verhalten auf eine Stressreaktion.

Es ist den meisten vollkommen klar, dass ein Klopapiervorrat, in der Corona-Krise nicht Überlebenswichtig ist. Im Geschäft aber, vor dem halb leeren Regal, nimmt man dennoch ein Pack mit, auch wenn der Vorrat daheim gefüllt ist. Ich denke, in den meisten Fällen schlägt hier das Stammhirn zu und bereits Daheim erwacht die Scham über das zwanghafte Verhalten, wenn das Vernunftdenken wieder einsetzt.

Aber was hilft denn nun? Wir alle befinden uns in einer Lage in der wir mehr als sonst, mit allen möglichen Stresssituationen gefordert werden und dafür Lösungen finden wollen. Atme durch. Wie ich oben bereits schrieb, ist eine reflexartige Reaktion selten nötig. Besonders nicht bei der Pandemie im Moment. (Es sei denn natürlich, du musst den Ellbogen heben um hinein zu niessen). So sind die Aufgaben der Schule jetzt dafür da, um den Kindern Stabilität zu geben und einen minimalen Schulbetrieb aufrecht zu erhalten. Alles was für das Kind bereits vorher schwierig war, wird es auch jetzt sein. Dein Kind ist ebenfalls gestresst von der Situation und ein gestresstes Gehirn ist im Alarmmodus und ist nicht bereit Neues zu lernen. Es ist jetzt nicht der Zeitpunkt an der Schönschrift zu arbeiten, weil man das schon lange tun wollte/sollte und auch nicht an neuen Rechenmethoden. Erst recht nicht, wenn noch das Homeoffice und der Haushalt wartet.

Es ist jetzt erst einmal Gelassenheit angesagt und kleine Schritte, vielleicht auch ein Rückschritt, bevor es wieder weiter geht. Je weniger wir uns und die anderen unter Stress setzen, desto schneller wird unser Gehirn Lösungen finden.

5 Gedanken zu „Homeschooling – ein Tagebuch – Tag 12#8220;

  1. Danke Vania. Reichweite und Feedbacks sind derzeit mein einziger Lohn. Mein Blog darf gerne in alle Himmelsrichtungen geteilt werden. Damit unterstützt du andere und auch mich. Liebe liebe Grüsse Mirjam

  2. Entspannung war schon immer die Türe für mehr…. auf allen Ebenen…wunderbare Texte, die Sie schreiben, ich teile ganz Ihre Meinung und finde es so wichtig in dieser Zeit!!!!!

    • Lieben Dank Frau Studer! Ich wünsche ihnen entspannte Wochen und bin schon gespannt, was der Start nach den Ferien für uns bereit hält. Liebe Grüsse Mirjam Fischer

  3. Pingback: Homeschooling – ein Tagebuch – Tag 20 – Mirjam Fischer

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